Vorgeburtliche und postpartale Eltern-Kind-Bindung n. Leni Petschenka

 
„Mit unserem heutigen Wissensstand ist es uns möglich, die Entwicklung unserer Kinder in der Gebärmutter optimal zu fördern“
(Hidas)

 
Gestützt unter anderem auf der therapeutischen Methode der Bindungsanalyse nach Hidas und Raffai erlernen Sie während der Schwangerschaft, mentalen Kontakt zu Ihrem Kind herzustellen und sich mit diesem auszutauschen. Dieses Vorgehen stärkt die Eltern-Kind-Bindung, Ihr Kind erlebt sich von Anfang an als selbstbewusstes und respektiertes Individuum, lernt seine Gestaltungsfreiheit zu nutzen, Sie fördern Kreativität und Intelligenz und helfen Ihrem Kind, Sorgen mitzuteilen und diese bereits zu einem frühen Zeitpunkt aufzulösen, damit sich Ihr Kind frei von Ängsten, Abhängigkeiten und Selbstzweifeln entwickeln kann.
Die moderne Form der Bindungsarbeit versteht sich als Präventionsmaßnahme und Heilungschance emotionaler, psychosomatischer und organischer Erkrankungen.

Hintergrund
Es ist ein Trugschluss unserer Sozialisierung, anzunehmen, dass das menschliche Wirken erst ab der Geburt gegeben ist. Zahlreiche Studien aus der Perinatalforschung beweisen mittlerweile das Vorhandensein eines fetalen Bewusstseins und einer vorgeburtlichen Wahrnehmung, sowie die Anlage des Gedächtnisses bereits im frühen Schwangerschaftsalter. So wirken innerhalb des Mutterleibes unterschiedlichste freudige wie auch belastende Eindrücke auf Ihr Kind ein, welche es zu verarbeiten gilt. Darunter finden sich in erster Linie seine eigenen, tatsächlichen Erfahrungen (z.B. Berührungen, Geräusche, Wachstumsphasen, Ausbildung der Organe sowie der Sinne), Erfahrungen, die es über Ihren Stoffwechsel wahrnimmt (z.B. Stressreaktionen, Anspannungszustände, Trauerzustände, Freudenreaktionen) sowie Wahrnehmung des sogenannten vererbten „Organgedächtnisses“. Bereits ab dem Zeitpunkt der Zellreifung vom Embryo hin zum lebhaften Feten, agiert Ihr Kind als fühlende, beobachtende, wahrnehmende und interpretierende Persönlichkeit, die seine Welt deutet und mitgestaltet. Pränatalforscher unterstreichen mit Ausdruck, in welchem Maße das Kind pränatal – innerhalb der Gebärmutter – aufmerksam und auffassungsfähig ist. Diese Erkenntnis zeigt uns, dass die Kinder vorgeburtlich nicht nur lernfähig und bindungsfähig, sondern auch verletzlich und den verschiedenen Beziehungs- und Umwelteinflüssen ausgeliefert sind. Da das Kind vorgeburtlich, wie auch in den ersten Lebensjahren, Belastungen noch nicht intellektuell begreifen kann, die Gefühle, die mit diesen Belastungen einhergehen allerdings wahrnimmt, speichert es diese Empfindungen bei dauerhaftem Auftreten als seine grundlegenden, bekannten Emotionen ab. Wiederholt wahrgenommene Empfindungen nisten sich während der Entwicklung im Unterbewusstsein ein. Diese Empfindungen können im Verlauf des Lebens durch (irrationale) Vorkommnisse getriggert werden. Ihr erwachsen werdendes oder gewordenes Kind durchlebt diese Grundemotionen unbewusst wie das hilflose (ungeborene) Kind und versetzen es im Falle von negativ behafteten Erfahrungen in einen hilflosen, kindesähnlichen Zustand zurück.
Eine besondere Schwierigkeit im Umgang mit der unzureichenden Auseinandersetzung mit den vorgeburtlichen Wahrnehmungen und Erlebnissen des Kindes, stellt dessen Anpassungsfähigkeit dar. Erfährt das Kind dauerhaften Stress (etwa durch den chemischen und hormonellen Haushalt der Mutter), passt sich der Organismus des Kindes dieser Belastung an und befindet sich dementsprechend im dauerhaften Anspannungszustand, welcher sich im Verlauf durch Unfähigkeit zur Entspannung, Gereiztheit und Immunschwäche kenntlich zeigt. Im übertragenen Sinne kann diese körperliche Verfassung mit den Ursachen und Symptomen des Burn-Out-Syndromes gleichgesetzt werden (wissenschaftliche Untermauerung:pränatale Prägung, Hungerwinterstudie).

Chancen durch die Bindungsanalyse
Die wissenschaftlich fundierte Theorie der Bindungsanalyse nach Hidas und Raffai versteht sich als präventive Schutzmaßnahme und Heilungschance und beschreibt die vorgeburtliche Kontaktaufnahme und Bindungsförderung zwischen Ihnen als Mutter und Ihrem Kind. Bereits vorgeburtlich entsteht ein Dialog zwischen Ihnen und Ihrem Kind, wodurch Sie Ihre eigene sowie die emotionale und körperliche Gesundheit Ihres Kindes nachhaltig fördern.
Aus Sicht der Pränatalpsychologie erlebt sich das Ungeborene durch die Bindungsanalyse in seiner Persönlichkeit zu einem frühen Zeitpunkt wahrgenommen und geachtet. Durch das Reflektieren und Reagieren der Schwangeren auf die Gefühle und Signale des Kindes, erfährt sich das Kind in seinen Bedürfnissen als bedeutsam und respektiert. Auf diese Weise wird die Basis für Urvertrauen, Selbstvertrauen, die Ausreifung eines gesunden und stabilen Selbstwertgefühls, das Interesse an seiner Umwelt sowie die Fähigkeit, sich adäquat mitzuteilen, geschaffen.
Untersuchungen zum Thema fetale Intelligenz kamen zu dem Ergebnis, dass genetische Einflüsse nur zu einem Drittel, dem Einfluss des Umfeldes (chemischer und hormoneller Haushalt der Mutter und interpresonelles Kontaktsystem) zwei Drittel der geistigen Entwicklung des Kindes intrauterin zugeschrieben werden (McGue, 1977). Positive Einflüsse der Bindungsanalyse in diesem Zusammenhang belegt auch Vollmer (2010) mit ihrem Nachweis von höheren IQ-Werten unter Kindern, deren Mütter an der Bindungsanalyse teilnahmen.

Die Bindungsanalyse arbeitet weiterhin auf das Begreifen der Angstreaktionen Ihres (eigenen sowie inneren) Kindes hin und öffnet einen mentalen Kanal, mithilfe dessen diese Ängste gelöst werden können.

Die Theorie der Bindungsanalyse entspringt der psychotherapeutischen Arbeit mit schizophrenen Jugendlichen. Der Schöpfer dieser Theorie, der ungarische Psychoanalytiker Jenö Raffai, erkannte in der Arbeit mit schizophrenen Jugendlichen einen Mangel an persönlichen inneren Grenzen zwischen seinen PatientInnen und deren Müttern und dadurch bedingt eine Konfusion der Realitätswahrnehmung (Es gibt kein „Du“ oder „Ich“, sondern nur ein „Wir“). Den Kindern gelang es dadurch nicht, ihr eigenes Weltbild zu erstellen und sie übernahmen die Wahrnehmung ihrer Bezugspersonen. Dabei wurden nicht ausschließlich günstige innere Haltungen, sondern auch ungünstige Grunderfahrungen wie Ängste und Schmerz übertragen.
Die moderne Verfahrensweise der Bindungsanalyse versteht sich weiterhin als prophylaktische Maßnahme, um Grenzen der eigenen Persönlichkeit wahrzunehmen und zu differenzieren, um einer späteren (psychotischen) Wahrnehmungsstörung entgegenzuwirken. Ein kleinerer Zwischenschritt auf dem Weg zur Ausreifung der eigenständigen Persönlichkeit stellt dabei die Fähigkeit, adäquat Grenzen zu setzten und für diese Grenzen einzustehen, dar.

Behandlung körperlicher Zustände durch die Bindungsanalyse
So wie psychosomatische Erkrankungen wie Ulcus oder Colitis ulcerosa, um nur zwei Beispiele zu erwähnen, durch Psychotherapie heilbar sind, wird auch die Bindungsanalyse dazu imstande sein, biologische Vorgänge in vivo wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern. So konnte bei Familien, welche sich der Bindungsanalyse unterzogen, eine Förderung der plazentaren Durchblutung und damit dem Entgegenwirken einer Plazentainsuffizienz sowie eine Senkung der Frühgeborenenrate nachgewiesen werden. Darüber hinaus können Kinder zur Drehung aus der Beckenendlage in die Schädellage bewegt werden.

Die Schwangerschaft sowie die Geburt Ihres Kindes ist, auch wenn Sie bereits mehrere Kinder geboren haben, eine einmalige Veränderung. Diese Besonderheit in Ihrem Leben kann Emotionen und Verhaltensweisen in Ihnen zum Vorschein bringen, welche Sie unter Umständen in Ihre bekannten Erfahrungen nicht einordnen können. Das Prinzip der Bindungsanalyse (siehe auch: Hypnobirthing) versteht es, Ihnen diese Gefühle und Verhaltensweisen – welche angesichts der Ihnen bevorstehenden Lebensveränderung durchaus sorgenbehaftet und unsicher sein dürfen, ohne, dass Sie Ihre elterliche Kompetenzen infrage stellen müssen! – greifbar zu machen und positiv zu beeinflussen, um Ihrem Kind bereits vorgeburtlich ein Gefühl der Selbstwertigkeit und des Selbstvertrauens in die Wiege zu legen. Erfahren Sie diese Gedanken als übermäßig vorhanden, belastend und antriebshemmend, können Sie unter dem Kapitel postpartale Depression weitere Informationen und Hilfe einholen.

Geburt als Trauma per se?
Einige Autoren vertreten radikale Annahmen und bezeichnen die Geburt – unabhängig eines sanften oder anstrengenden Verlaufes – als Trauma per se, welches bei dem Kind Misstrauen auslöst und die Bindungsprozesse des Kindes behindert. Psychoanalytiker verstehen das Leben als kontinuierlichen Verlauf, welcher bereits vor der Empfängnis beginnt („Organgedächtnis“) und mit dem Tod endet. In diesem Fall stellt die Geburt lediglich eine Unterbrechung dieser Kontinuität dar. Im Sinne der Psychoanalytik muss die Geburt als Eingreifen in die Kontinuität der Lebensgeschichte und dadurch als Störfaktor der biografischen Integrität gesehen werden. Theorien sprechen dafür, dass dieser Faktor für sich von den KlientInnen nicht erklärbare Gefühle von Leere, Alleinsein, Angst, Abhängigkeit oder Wut  zurückzuführen ist. Die Methode der Bindungsanalyse versteht es, das Kind vorgeburtlich auf die bevorstehende Änderung seiner bekannten Lebensverhältnisse vorzubereiten bzw. zielt darauf ab, Ursachen postpartaler Auffälligkeiten durch die Rückkopplung auf (vor)geburtliche Überlastungssituationen zu mindern.
 
 Zu welchem Zeitpunkt startet die Bindungsanalyse?
Die Bindungsanalyse bezieht sich nicht ausschließlich auf den Zeitraum der Schwangerschaft, die Philosophie darf Sie bereits vor Eintritt der Schwangerschaft unterstützen und begleitet den Übergang zur Elternschaft sowie die Beziehung zu Ihrem Kind ohne Altersgrenze.
Die Bindungsanalyse wird bestenfalls ab der 20. Schwangerschaftswoche mit 2 bis 3 Sitzungen pro Woche durchgeführt. Die analytischen Sitzungen enden etwa vier Wochen vor dem Geburtstermin. Bis zur Geburt Ihres Kindes führen Sie die Prinzipien der Bindungsanalyse nach Anleitung zuhause in Eigenregie fort.
 
Wer kann die Bindungsanalyse anwenden und wie wird sie durchgeführt?
Teilnehmen können Schwangere, welche unter keinen anamnestischen oder akuten schweren depressiven Episoden, psychotischen Zuständen oder Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ leiden. Die analytische Behandlung zielt in erster Linie auf die Selbsterkenntnis ab. Mithilfe therapeutischer Maßnahmen wie der freien Assoziation wird einerseits das Ziel verfolgt, unbewusste und unterdrückte Bedürfnisse zu identifizieren und zu fördern und andererseits Widerstände und Abwehrreaktionen zu erkennen und aufzulösen. In einem Zustand tiefer Entspannung und in achtsamer Verbindung mit Ihrem Kind, werden Sie Gedanken und Bilder wahrnehmen, die Ihrem Inneren, Ihren Urbedürfnissen, entspringen. Als Sprachrohr für Ihr Kind werden Sie in Verbindung mit diesem auch dessen Signale wahrnehmen und zu deuten lernen.
Mittelpunkt der Bindungsanalyse ist es, Ihre Überzeugungen und Bedürfnisse sowie die Wahrnehmungen und Bedürfnisse Ihres Kindes zu erkennen. Ihre eigenen Vorstellungen und Interpretationen sowie diese Ihres Kindes werden wertfrei anerkannt. Somit gelingt es Ihnen, bewusste oder auch unbewusste Bestandteile Ihrer Biografie hinzuzufügen, um diese ganzheitlich annehmen zu können und selbstbestimmt nach Ihren Überzeugungen weiterhin gestalten zu können. Ihr Kind wird in diesem Zusammenhang zu einem früheren Zeitpunkt abgeholt, um in seiner ganzheitlichen Entwicklung respektiert, anerkannt und geschützt zu werden. Die Durchführung der Bindungsanalyse ist immer auf Ihre persönlichen Bedürfnisse abgestimmt und kann im Verlauf immer wieder angepasst werden. Um Ihre individuellen Wünsche in die Bindungsanalyse einflechten zu können, umfassen die ersten beiden Stunden Ihrer Bindungsanalyse eine ausführliche Anamneseerhebung. Fühlen Sie sich während der Durchführung der Analyse unwohl, darf diese jederzeit durch Sie unterbrochen oder beendet werden. Gemeinsam erarbeiten wir uns in diesem Falle einen Abschluss der Analyse, mit welchem Sie sich identifizieren können und problemlos den weiteren Verlauf Ihrer Schwangerschaft genießen können. Sie entscheiden immer, in welchem Rahmen ein Angebot für Sie passend ist und an welchen Stellen Sie es abändern möchten. Die Fähigkeit, bei Notwendigkeit Abweichungen von Ihren Wunschvorstellungen hinnehmen zu können, diese Abweichungen dennoch selbstbestimmt zu verantworten und mit dem Gefühl, die Situation bestmöglich für Sie und Ihre Familie gestaltet zu haben,  zu verlassen, unterstreicht Ihre Vernunft und Flexibilität und damit Ihre elterliche Kompetenz.

Die Bindungsanalyse ersetzt nicht die Schwangerenvorsorge nach den Mutterschaftsrichtlinien, noch die Begleitung Ihrer Geburt durch eine Hebamme, sondern ergänzt diese!

Ich kann Ihnen die Schwangerenvorsorge nach den Mutterschaftsrichtlinien sowie die Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden in meiner Praxis zusätzlich anbieten. Die Kosten hierfür werden durch die gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen getragen! 
 


(Quelle: Hidas et al., 2010: Nabelschnur der Seele. P sychoanalytisch orientierte Förderung der vorgeburtlichen Bindung zwischen Mutter und Baby, Psychosozial-Verlag, Gießen)