Schwangerschaftsbedingte und postpartale Depression
„it's always darkest before the day dawenth”
- (Thomas Fuller)
Die Entwicklung einer Depression ist multifaktoriell und betrifft Menschen in allen Lebenslagen. Schuldige, die für die Auslösung einer Depression verantwortlich gemacht werden können, gibt es sehr, sehr selten. Genauso wenig hat die Ausbildung einer depressiven Symptomatik mit eigener Schwäche, Fehlverhalten oder Selbstbestrafung zu tun. Psychische Erkrankungen sind nur bedingt mit körperlichen Erkrankungen zu vergleichen. Während das Immunsystem - die körperliche Abwehr gegen Krankheitserreger - objektiv abgebildet werden kann, können mentale Belastungen, Abwehrmechanismen und Wechselwirkungen nicht in dem Maße dargestellt werden. Die Entstehung sowie die Behandlung depressiver Verstimmungen sind individuell und komplex und bedürfen hoher Eigenverantwortung, Selbstreflexion und Motivation. Die Behandlung von Depressionen kann durch medizinische Maßnahmen wie Medikationen zwar unterstützt, allerdings nicht vollständig geheilt werden
Die Erwartung oder die Geburt Ihres Kindes wird Sie vor eine besondere Verantwortung und Veränderung stellen. Un- und Neugeborene sowie deren Eltern zählen zu einer zu schützenden vulnerablen Bevölkerungsgruppe. Ihr Schlafverhalten, Ihre Partnerschaft, Ihre Freizeitgestaltung, Ihre finanziellen Verpflichtungen - alle Ihre Lebensbereiche erfordern Umstrukturierungen. Gefühle von Überforderung und Unsicherheit sind genau wie das Gedankenkreisen um die Frage „was wäre wenn..“ in diesem Zusammenhang nicht nur physiologisch, sondern sogar gewünscht. Würden Sie auf Forderungen dieser Extreme mit absoluter Leichtigkeit und Unbefangenheit reagieren, stünde die Vermutung eines Verdrängungsmechanismuses, eines Nicht-Wahrhabenwollens des neuen Lebensabschnittes, im Raum. Pathologisch werden diese Zustände erst, wenn ergriffene Lösungsstrategien und Erholungsphasen nicht aufrechterhalten werden können, nicht erleichternd auf die neue Situation einwirken oder Ihr alltägliches Leben nachteilig beeinflusst wird.
Zeitliche, personelle und symptomatische Abgrenzung der schwangerschaftbedingten Depression
Unter einer schwangerschaftsbedingten oder postpartalen Depression versteht sich eine schwankende oder dauerhafte Stimmungs- und Antriebstrübung vor oder nach der Geburt. Die physiologische, hormonbedingte Labilität setzt in der Regel drei bis vier Tage nach der Geburt ein und hält auch während der Schwangerschaft nicht länger als zwei bis drei Tage an. Überschreitet das Gefühl des Unwohlseins einen Zeitraum von zwei Wochen ohne Nachweis von körperlicher Erkrankung, sollte professionelle Hilfe konsultiert werden, um die beginnende psychische und emotionale Symptomatik adäquat einzuschätzen, abzuschwächen und zu behandeln.
Depressionen breiten sich auch dann, wenn "lediglich" eine Person von dem Krankheitsbild betroffen ist, häufig auf das gesamte Familiennetzwerk aus. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass schwangerschaftsbedingte oder postpartale Depressionen nicht ausschließlich die (werdende) Mutter, sondern gegebenenfalls auch den (werdenden) Vater oder ältere Geschwisterkinder betreffen können.
Die Diagnose einer postpartalen Depression wird durch die nicht eindeutige Symptomatik erschwert. So kann sich die Erkrankung nicht nur hinter der klassischen trüben Stimmung, sondern auch hinter Gefühlen der Hilflosigkeit oder der Überforderung, Energielosigkeit, hinter Schuld- und Schamgefühlen, hinter einer Veränderung der Schlaf- und Essgewohnheiten, Substanzmissbrauch, erhöhter Reizbarkeit oder sogar hinter Überschwänglichkeit, gesteigerter Aktivität und veränderter Interpretation der Wirklichkeit verstecken. Im letzteren Fall kann es sich dazu um die Entwicklung einer bipolaren oder manischen Symptomatik handeln.
Zusätzlich erschwert ist die Diagnosestellung mit der beispielhaften Symptomatik der zunehmenden Erschöpfung und Schlafschwierigkeiten durch die absolut gängige Anpassung an die Erwartungen und den Schlaf-Wach-Rhythmus des Neugeborenen. So können die Symptome einer schwangerschaftsbedingten Depressionen leicht als eine normale Reaktion auf die höhere Belastung der jungen Eltern fehlinterpretiert werden.
An einer schwangerschaftsbedingten Depression zu leiden bedeutet nicht, ein Kind nicht zu lieben
Die Scheu, sich die depressive Verstimmung einzugestehen und um adäquate Hilfe zu bitten, bezieht sich einerseits auf die noch immer gegenwärtige Stigmatisierung psychischer Erkrankungen in unserer Gesellschaft, bürokratische Hürden sowie versicherungsbezogene Nachteile und im speziellen Fall der schwangerschaftsbedingten Depression besonders auf die aufkommenden Schuldgefühle gegenüber dem Kind. Aus Sorge, das Kind nicht aufrichtig lieben zu können oder das eigene Kind als Ursache des Unwohlseins zu beschuldigen, erleben TherapeutInnen häufig die Verdrängung der depressiven Symptomatik. Betroffene leiden in diesem Fall "heimlich, für sich", ihre gespaltenen Emotionen und Belastungen halten sie unter der Oberfläche gefangen, so, dass ihre Umwelt ihre innere Zerrissenheit auf den ersten Blick nicht wahrnehmen kann. Leider bedeutet das nicht, dass die Schwierigkeiten dadurch aufgelöst sind, vielmehr arbeiten sie erschwerend aus dem Untergrund heraus, ohne dass die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Symptomen umzugehen und diese aufzulösen. Wie gefährlich sich verdrängte Symptome in die Biografie eines Menschen, sowie dessen Nachkommen und familiäres sowie soziales Umfeld einbetten können, können Sie unter Hypnobirthing, Bindungsanalyse und Geburtsangst und Traumatherapie nachlesen.
Heilungschancen schwangerschaftsbedingter Depressionen
Depressionen sind genau wie ihre Nebenwirkungen auf verschiedenste Weisen kurzfristig und langfristig heilbar. Im Falle einer schwangerschaftsbedingten Depression ist weder die Bindung zu Ihrem Kind, noch die Freude am Elternsein nachhaltig beeinträchtigt. Dennoch zeigt die Erfahrung, dass unbehandelte depressive Symptomatiken spiralförmig in die Tiefe verlaufen und sich wellenartig auf weitere Lebensbereiche auswirken.
Ich möchte Sie dringend ermutigen, sich bereits bei dem frühen Verdacht einer depressiven Verstimmung in professionelle Hilfe zu begeben. Auch, wenn Sie sich unsicher sind oder bei einem Menschen in Ihrem engen Umfeld eine einschleichende depressive Symptomatik erahnen, dürfen Sie sich jederzeit einer professionellen Abklärung unterziehen. Eine Testung auf depressive Verstimmungen ist ein niederschwelliges Verfahren, welches sich auch nachträglich nicht auf Ihre Gesundheitsgeschichte und Ihren weiteren Versicherungsstatus auswirken wird. Ein Beispiel eines Fragebogens zur Ermittlung des aktuellen Zustandes finden Sie hier.
Welche therapeutische Methode für Sie und gegebenenfalls auch für Ihr Umfeld passend ist, werden wir gemeinsam und individuell ermitteln.