Geburtsangst und Traumatherapie

„Ich bin ein alter Mann und habe viel Schreckliches erlebt, aber zum Glück ist das meiste davon nie eingetroffen“ - (Mark Twain)

Die Psychologie bietet breite Informationen zum Thema Angst und Trauma. Einige Autoren trennen die beiden Begriffe, ihren Ursprung und ihre Therapie streng voneinander, andere gehen davon aus, dass Angst und Trauma immer miteinander verwoben sind und nicht ohneeinander bestehen.
Meine Arbeit zum Thema Geburtsangst und Traumatherapie soll sich nicht ausschließlich auf die Erörterung therapeutischer Begriffsurspünglichkeiten reduzieren. Erfolgsaussichten in der Verarbeitung von Ängsten oder Traumen müssen auch nicht daran abhängig gemacht werden, ob angstauslösende Faktoren oder traumatische Erlebnisse bewusst sind, sondern darin, Ihre gesunde Selbstsicherheit, Selbsterkenntnis und Ihre förderlichen Ressourcen zu aktivieren, um Ängste und an Traumen verknüpfte Erinnerungen zu entmachten und im Alltag kontrollieren zu können. Ohne einen Angstauslöser oder eine Traumatisierung exakt benennen zu müssen, dürfen Sie erkennen, unter welchen Umständen Sie in Ihrem Alltag gehemmt werden, um die Thematik genau an dieser Stelle ganz praxis- und alltagstauglich aufzulösen um Ihrem Kind eine angstfreie und selbstsichere Entwicklung ohne irrationale, vererbte Ängste zu ermöglichen.
 
Besonders im Hinblick auf das psychologische Feld der transgenerationalen Traumatisierung („vererbte Ängste“), darf die Auseinandersetzung mit Ihren Ängsten und Sorgen in der Schwangerschaft eine überaus wichtige Rolle spielen.

 
   Im weiteren Verlauf dieses Artikels sollen Sie erfahren, dass
1.     Ängste irrational an Ihre Kinder vererbt werden können und diese ein Leben lang beeinflussen können
2.     Verdrängte und nicht zugelassene Angst (auch weitere negativ konnotierte Emotionen) genetisch wie auch emotional stärker wirken können als ausgelebte Ängste
3.     Sie auch ohne exakte Benennung einer angst- oder traumaauslösenden Situation ein Recht auf Aufarbeitung Ihres persönlichen Leidens haben und Sie in jedem Fall in sicherem, vertrautem Rahmen ernst genommen werden
4.     Körperliche Krankheitssymptome durch die Arbeit an Ihrer Angst gemindert werden können
5.     Sie keine Angst haben müssen, unliebsame Gefühle und Gedanken in der Schwangerschaft zuzulassen und dass Sie Ihr Kind damit nicht nachträglich ungünstig beeinflussen
6.     Sie Ihre Ängste nicht wiederaufleben lassen müssen, sich diesen nicht wieder in dem Maße ausliefern müssen, wie Sie sie erlebt haben
7.     Ziel der Arbeit mit Angst und traumatischen Erlebnissen nicht die absolute Angstfreiheit darstellt, sondern der authentische und maßgerichtete Umgang mit dieser
 
Weiterhin sollen Sie die Chance erhalten, die Erlebnisse in dem Maße zu beschreiben, wie Sie sich damit wohlfühlen, um vor allem im Hinblick auf zukünftige Erfahrungen wichtige Triggerpunktre, Präventionsmöglichkeiten, Sicherheitsaspekte, Altervativmöglichkeiten, Selbstbestimmung und Kontrolle zu erarbeiten. Dies beinhaltet in meinem Arbeitsumfeld häufig Familien mit traumatischen Erlebnissen in vorausgegangen Schwangerschaften und Geburten, sowie Familien in Trauerfällen.
 
Leben in Angst
Je nach Schweregrad einer Angst- oder einer traumatischen Erfahrung (z.B. Gewalterfahrung und Kontrollverlust – etwa bei vorausgegangenen Schwangerschaften und Geburten, Bekanntwerden einer Gesundheitsbeeinträchtigung…) und abhängig von multifaktoriellen Umständen, reagiert der Mensch mit einer akuten Schocksymptomatik (z.B. Anstieg der Herzfrequenz, Abflachung der Atmung, Konzentrationsverlust, Gastrointestinale Beschwerden, Zittern, Schwitzen). Aller Umstände geschuldet beginnt die Angst- und Traumatherapie in den meisten Fällen erst Tage, Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre nach dem traumatischen Erlebnis. Die Gründe dafür sind vielseitig und beinhalten die Angst vor der Re-Traumatisierung, Scham oder institutionelle Hürden in der Anbindung an die Psychotherapie.
Die intensivsten Symptome eines akuten Traumas klingen in der Regel nach nur wenigen Stunden oder Tagen ab, dennoch berichten nahezu alle Personen, welche starke Angst oder ein Trauma erleben mussten, eine ständige Traumafokussierung sowie langfristig die Minderung der Lebensqualität. 
Ein nicht verarbeitetes Trauma schlummert dauerhaft, wenn auch unter der Oberfläche, in einem Menschen und bündelt dessen Energie, welche ihm anderswo nicht weiter zur Verfügung steht. Bildlich darstellen lässt sich dies durch die Visualisierung eines strömenden Baches (Energie), welcher einen Bruch in der Uferbegrenzung erlitt (Trauma), an welchem das Wasser (Aufmerksamkeit) austritt und nun dem Tagesfluss nicht mehr zur Verfügung steht.
 
Angst und Trauma ganzheitlich anerkennen 
In unserer heutigen Gesellschaft scheint es trotz der noch immer bestehenden Stigmatisierung jeglicher psychologischer Herausforderungen akzeptiert, therapeutische Hilfe als Antwort auf ein traumatisches Erlebnis zu konsultieren. Was dabei fatalerweise untergeht ist die Tatsache, dass nicht immer ein traumatisches Erlebnis am Beginn einer pathologischen Verhaltens- und Denkentwicklung stehen muss. Persönlich möchte ich die Definition eines Traumas gerne dahingehend ausweiten, dass jedes noch so scheinbar unbedeutende Verhaltens- oder Erziehungsmuster oder auch jede auf den ersten Blick belanglose Wendung eines bestehenden Lebenskozeptes, welches mit einer persönlichen Umorientierung einhergeht, als potentiell traumatisches Erlebnis betitelt, wertgeschätzt und behandelt werden darf bzw. sollte. Es ist nicht ausschlaggebend, was ein Mensch erleben musste, sondern welche Bedeutung oder Interpretation er diesen Erlebnissen zuschreibt.

Ein großer und vor allem ein durch Dunkelziffern zusätzlich ausladender Anteil der heranwachsenden wie auch erwachsenen Menschen leiden unter den Folgen einer traumatischen Erfahrung, ohne, dass sie sich dessen bewusst sind. Die Kompensation von Traumen zeigt sich, verkleidet und adaptiert an die Alltagstauglichkeit, als unbewusste Handlungsmotive, welche zum Ziel haben, bestimmte Gefühle, Gedanken oder Taten zu vermeiden oder irrational wahrzunehmen. In der modernen Gesellschaft läuft uns dieses Phänomen unter dem umgangssprachlich verwendeten Begriff der „Vermeidung“ oder „Verdrängung“ über den Weg. Obwohl diese Begriffe generell negativ konnotiert sind, sollte diese Abwehr nicht prinzipiell angegriffen, sondern die Abwehrleistung, die Hilfestellung, die eine Person für sich selbst entwickelt hat, anerkannt werden. Im Sinne einer sich selbst fürsorglich zugewandten Therapie, welche den Kern meiner therapeutischen Arbeit bildet, soll ein Angriff gegen das eigene Selbst dringend vermieden werden. Die Angst- und Traumatherapie sieht nicht vor, gewohnte Muster in Misskredit zu bringen, sondern diese zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen.

Wie man sich selbst traumatisieren kann
Ein interessanter Ansatz der Traumatherapie ist die Annahme, dass Menschen nie absichtslos handeln, auch, wenn diejenige Handlung unsinnig oder schädlich erscheint, oder wenn die Absichten hinter der Handlung nicht bewusst sind. Handlungsmotive werden in der Regel dann unbewusst, wenn sie dem Ich-Ideal inakzeptabel erscheinen, also z.B. Schuld-oder Schamgefühle auslösen. Sobald ein Mensch die Tatsache der ständigen absichtlichen Handlung verinnerlicht hat, darf dieser verstehen, dass jeder Absicht die Interpretation einer Situation entsprechend seiner individuellen Erwartungen oder Befürchtungen vorausgeht.
Neben dem Unbewusstsein verschiedener Ängste und Traumen stellt sich dem Menschen gegebenenfalls auch das Phänomen der Projektion in den Weg zur vollkommenen Sichtbarwerdung seines eigenen Denken und Handelns. So tendieren Menschen nicht selten dazu, in ihrem Gegenüber genau die Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltenszüge abzulehnen, die als „unzureichend“ oder „verboten“ im eigenen Inneren schlummern und nicht ausgelebt werden dürfen oder nicht ausgelebt werden wollen. Auch ist die Annahme, dass eine Person ein bestimmtes Handeln, welches sie gezielt versucht loszuwerden, (unbewusst) absichtlich selbst herbeiführt, durch zahlreiche Beobachtungen belegt.
 
Einfluss familiärer Ängste auf die Entwicklung des Kindes
Inwieweit Ihre eigenen Ängste und das Nachempfinden traumatischer Erfahrungen bereits vorgeburtlich auf Ihr Kind einwirken können, können Sie unter dem Punkt der Bindungsanalyse und des Hypnobirthings nachlesen. Darüber hinaus finden sich zahlreiche Studien und veröffentlichte Artikel zum Thema der vererbten Ängste und Emotionen.
Keineswegs sollen die oben genannten Ergebnisse bei Ihnen allerdings dazu führen, dass Sie sich fürchten, in der Schwangerschaft negative Empfindung zuzulassen. Die Entwicklung Ihres Kindes leidet nicht an Mitempfinden belastender Situationen, sondern an der Übertragung biochemischer Stresshormone, welche vor allem auf antiauthentische Einstellungen von Müttern gegenüber ihrer Schwangerschaft, ihrem Kind oder sich selbst zurückzuführen sind. Vereinfacht dargestellt bedeutet das, Probleme, Schwierigkeiten, Sorgen, Ängste, die ehrlich angesprochen und gefühlt werden dürfen - von beiden, Mutter und Kind - können ernstgenommen, gelöst oder abgeschwächt werden. Selbige, die nicht anerkannt und unterdrückt werden, schlummern innerhalb der eigenen Körperoberfläche und lösen dieselben unerwünschten Emotionen und Gedankengänge aus, können im Gegenzug allerdings weder behandelt oder gelöst werden. Eine sehr drastische allerdings die Thematik sehr deutlich aufzeigende Studie von Matejcek lässt beispielsweise erkennen, dass Frauen, welche einen Schwangerschaftsabbruch beantragten, allerdings nicht bewilligt bekamen, seltener an Schwangerschaftsbeschwerden litten als Frauen, die ihrer Schwangerschaft ambivalent gegenüberstanden, diese zwiespältigen Gefühle allerdings für sich behielten. Die Frauen, die ihre Ablehnung klar äußerten, mussten diese körperlich nicht somatisieren, während die Sorge der stillen Mütter durch körperliche Beschwerden auf sich aufmerksam machte (Matejcek, 1994).

Möglichkeiten der Traumatherapie
Ziel der Traumatherapie ist das Erkennen von (un)bewussten, scheinbar nicht nachvollziehbaren oder rätselhaften Motiven und Absichten und von Zusammenhängen, zwischen ähnlichen Situationen und ähnlichen Handlungsweisen. Auf diese Weise erlernen Sie, wie Sie Ihre Welt interpretieren und gestalten, wie Sie Ihr Erleben verändern können, wie Sie aus der Opferrolle austreten, neue Formen der Konfliktlösung anwenden und sich aus bestehenden Abhängigkeiten lösen können und erlauben Ihrem Kind dabei eine gesunde, stabile und selbstsichere Entwickling. 
Bei unbewussten Ängsten oder Traumen muss zudem nicht zwingend das punktgenaue Erkennen des jeweiligen Traumatas im Vordergrund stehen (falls Sie das nicht wünschen oder die Herkunft des Traumatas nicht mehr bewiesen werden kann, siehe vererbte Ängste), da Ursache- und Wirkungszusammenhang nicht immer rational erklärt werden können (z.B. „immer wenn es regnet, springt mein Auto nicht an“). Im Falle einer nicht-kausalen Verkettung von Umständen (z.B. Regen und Motorprobleme) setzten Sie sich zum Ziel, Maßnahmen zu ergreifen, um für ein bestmögliches Outcome im Alltag (das Auto bei Regen in der Garage parken) zu sorgen, ohne den genauen Ursprung Ihrer Traumen definieren zu können oder zu müssen. 
 
Dennoch muss hervorgehoben werden, dass die Einsicht alleine keine (ausreichende) Veränderung bewirken kann. Die Erfahrungen müssen „überschrieben“ werden, neue Denkmuster und Sichtweisen müssen zugelassen werden und ein neues Verhalten muss geübt und angewandt werden. Ihre Wirkung erzeugt die Traumatherapie nicht dadurch, dass eine Person rationale Einsichten gewinnt und bewusst weiß, wovor sie sich fürchtet. Viel wirksamer ist es, wenn diese Person die Angst wiedererlebt und bewältigt. Eine der stärksten therapeutischen Wirkungen einer gelungenen Aufarbeitung besteht darin, dass die Person in der Beziehung zur TherapeutIn die Entwicklung ihrer Angstgeschichte erneut erleben kann und während dieses Prozesses nachträglich reifen und ihre ungelösten Probleme, die sie gefangen halten, sie ausliefern, an die Vergangenheit binden, in der Gegenwart lösen kann. Dieser letzte Punkt ist vor allem dahingehend von hoher Bedeutung, da sich Ängste häufig vorgeburtlich (siehe vererbte Ängste) oder in der Kindheit manifestieren. Die Person bleibt in ihrem Angstempfinden emotional in der Rolle des ausgelieferten Kindes. Die Evolution unserer Gehirnentwicklung hat bislang noch keine Strategie entwickelt, die kindlich erlebten Emotionen folglich in erwachsene Empfindungen zu rationalisieren. 
Ziel der Angst- und Traumatherapie ist es auch nicht, zu dem „alten Leben“ vor dem Trauma zurückzukehren. In wenigen Fällen mag das gelingen, doch bedeutend öfter lernen Menschen, neue Werte, Wünsche, Hoffnungen und Lebensziele zu formulieren, um sich eine selbstbestimmte Zukunft zu etablieren. 
Die Angst- und Traumatherapie verläuft langsam und kleinschrittig. Der Erfolg ist nicht an einer Angstfreiheit und Waghalsigkeit zu bemessen, sondern an der Fähigkeit, Situationen real einzuschätzen, sich selbst beruhigen zu können und sich die Hilfe einholen zu können, die in diesem Fall gesundheitsfördernd und zielführend ist. 
 
Die Traumatherapie kann konfrontativ oder körperbasiert (SE, EMDR) verlaufen. Welche Vorgehensweise für Sie passend ist, werden wir gemeinsam ergründen. 
 
(Quelle: Riemann, F., 2017: Grundformen der Angst, 42. Auflage, Reinhardt Verlag: München; Posth, R., 2014: Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, 3. Auflage, Waxmann: Münster)